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Geschichte

Das Orientalische Münzkabinett in Jena

Das Orientalische Münzkabinett der Universität Jena ist die zweitgrößte öffentliche deutsche Sammlung orientalischer Münzen. Im 19. Jahrhundert stellte das Orientalische Münzkabinett ein in seiner Art wohl einzigartiges Zentrum für Islamische Numismatik an einer deutschen Universität dar. Die Sammlung bildete eine der Grundlagen für diesen Wissenszweig. Bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg bestand es in Personalunion mit dem Orientalischen Seminar. Nach fünfundsiebzigjähriger Vakanz wurde im Jahr 1994 in Jena wieder ein Lehrstuhl für Semitische Philologie und Islamwissenschaft eingerichtet. Seitdem wird das Orientalische Münzkabinett als historisches Forschungsinstrument wieder aufgebaut.


Die Anfänge

Die Geschichte der orientalischen Numismatik in Jena ist älter als die Sammlung selbst. Im gleichen Jahr als Goethe nach Weimar kam, im Jahr 1775, hielt Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) seinen Habilitationsvortrag als neuberufener Professor für Theologie und orientalische Sprachen über die Anfänge des arabischen Münzwesens: De rei numariae apud Arabas initiis (Jena 1776). Ab 1781 gab er postum die "Briefe über das Arabische Münzwesen" von Johann Jakob Reiske (1716-1774) heraus. Es ist der erste Versuch eines Handbuch zur Islamischen Numismatik und eines der frühesten Veröffentlichungen zur Islamischen Numismatik und das erste in deutscher Sprache.

 

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Die Goldmedaille von W. Uhlmann auf Johann Gustav Stickel aus dem Jahr 1889.

 

Die Gründung im Jahr 1840

Die Gründung des Großherzoglichen Orientalischen Münzkabinetts im Jahr 1840 steht sowohl im engen Zusammenhang mit der Neuorientierung der Orientalistik in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts als auch mit der Kultur am Weimarer Hof. Eine äußerst günstige personelle Konstellation erlaubte den Ankauf der ersten Sammlung orientalischer Münzen. Der Gründer, der Theologe und Orientalist Johann Gustav Stickel (1805-1896) hatte in Jena und in Paris studiert und war der neuenphilologisch ausgerichteten Orientalistik verpflichtet. Erste Anregungen sich mit Sigillographie und Numismatik zu beschäftigenerhielt Stickel durch eine gelegentliche Anfrage des Weimarer Staatsministers von Goethe. Unter dessen Einfluß war am Weimarer Hofeine Aufgeschlossenheit gegenüber allem orientalischen entstanden, zunennen sind vor allen die Großherzogin und Zarentochter Maria Pawlowna (1786-1859), ihr Mann Carl Friedrich (1783-1853) sowie der Prinzenerzieher und der Freund Goethes Frédéric Soret (1795-1865).

Als sich im Jahr 1839/40 die Möglichkeit bot, eine bedeutende Sammlung zuerwerben, trug der Jenaer Professor Johann Gustav Stickel am Weimarer Hof vor. Jene Sammlung von über 1.500 Exemplaren gehörte dem Herrnhuter Missionar Heinrich August Zwick (1796-1855). Sie war in Russland an der Wolga zusammengetragen worden. Die Sammlung entsprach sowohl dem Interesse des Hofes am Orient als auch an russischer Geschichte. Carl Friedrich kaufte sie und stellte sie Stickel für seine Forschungen zur Verfügung. Maria Pawlowna wurde zur weiteren persönlich engagierten Mäzenatin. Frédéric Soret schrieb das entscheidende Gutachten und erwarb sich ebenfalls große Verdienste um die Mehrung der Sammlung.

 

Der Gründer Johann Gustav Stickel (1805-1896)

69 Jahre lang war Stickel in Jena Dozent und Professor für orientalische Sprachen und Literatur an der Universität Jena, von 1827 bis zu seinem Tod 1896. Neben seinen theologischen und philologischen Studien entwickelte er ein Spezialinteresse, das ihn aus der Orientalistik seiner Zeit hervorhebt: die Islamische Numismatik. Stickels wichtigstes Werk ist das in zwei Teilen 1845 und 1870 erschienene "Handbuch zur Morgenländischen Münzkunde". In vielen Aspekten waren beide Teile wegweisend für die Katalogisierung orientalischer Münzen. Als Erster sprach er entschieden sich für eine regionale Darstellung der Münzprägung aus, als Quelle der Geschichtsforschung, statt einer Dynastischen Erfassung. Dieser Ansatz wurde fast 100 Jahre später in der Form des Sylloge umgesetzt.

Das Fach der Orientalistik emanzipierte sich in den dreißiger, vierziger Jahrendes 19. Jahrhunderts von der Theologie und entwickelte sich zu einer sprachwissenschaftlichen Philologie, die sich als eine ihrer ersten Aufgaben die Quellenerfassung setzte. Islamische Münzen tragem bis zu 150 Worte Text und informieren über Ort und Datum der Herstellung sowie darüber, wer zum Zeitpunkt ihrer Prägung herrschte. Als politische Urkunden und Beweis ausgeübter Herrschaft kam ihnen die gleiche staatsrechtliche Qualität wie der Nennung der Herrscher in den Freitagspredigten zu. Die von Stickel aufgebaute Sammlung stellt auch heute noch eine nicht ausgeschöpfte Quellensammlung zur Geschichte des Vorderen Orients dar.

 

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Der Dinar aus Damaskus mit dem Bildnis des Kalifen Abd al-Malik aus dem Jahr 77/696 n. Chr.

 

Die Sammlung von Frédéric Soret, 1866

Die bedeutendste einzelne Akzession stellte der Ankauf der Soretschen Sammlung im Jahr 1866 dar. Frédéric Soret war sein Leben langfreundschaftlich mit dem Haus Sachsen-Weimar und Eisenach sowie mit Stickel verbunden. Er hinterließ mit über 5.500 Münzen die größte Privatsammlung islamischer Münzen seiner Zeit. Das kunsthistorisch wohlbedeutendste und bis heute am meisten zitierte Exemplar der ganzen Sammlung ist der Gold-Dinar des Jahres 77 der Hidschra/696 n.Chr. Er steht an der Schnittstelle zur Arabisierung von Münzwesen und Verwaltung, die aus dem ehemals byzantinischen Gebiet unter der Herrschaft von Beduinen erst einen arabisch-islamischen Staat formte. Die Münzgestaltung ist noch dem byzantinischen Konzept verhaftet, obwohl die Legenden arabisch sind und statt eines byzantinischen Kaisers der Kalif selbst abgebildet ist. Der zahlenmäßig größte Teil der Soretschen Sammlung wurde im Jahr 1939 an das großherzogliche Hauszurückgegeben, da sie zum Privatvermögen der Familie gehörte.


Die Ära bis zum Ersten Weltkrieg, 1896-1919

Von 1896 bis 1909 wurde die Sammlung von Karl Vollers betreut, der die Sammlung erweiterte, und ein summarisches Inventar publizierte. Sein Nachfolger wurde der Semitist und Altorientalist Athur Ungnad, der andere Schwerpunkte setzte. Nach seinem Weggang im Jahr 1919 blieb das Orientalischen Seminars und das Großherzoglich Orientalische Münzkabinett für über sieben Jahrzehnte wissenschaftlich verwaist.

 

Ein neuer Anfang auf alten Fundamenten, seit 1994

Seit 1994 hat die Wiederherstellung der Sammlung als wissenschaftliches Arbeitsinstrument begonnen. In diesem Jahr wurde die Semitische Philologie und Islamwissenschaft in Jena mit Prof. Dr. Norbert Nebes besetzt. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Sammlung nach der Abgabe der Soretschen Münzen (1939) und anderen Verlusten des 20. Jahrhunderts nur noch aus 8.950 numismatischen Objekten ohne Bestimmungen und ohne Dokumentation. Das 1942 fortgegebene Archiv konnte 1997 wieder an die Universität zurückgeholt werden. Inzwischen ist ein Teil der Sammlung inventarisiert und neu bestimmt. Im Jahr 1998 wurde die Sammlung des Münchner Numismatikers Peter Jaeckel (1914-1996) erworben. Danach kamen in rascher Folge zahlreiche weitere großzügige Schenkungen ausschließlich von privater Seite hinzu.

Von 1998 bis 2001 förderte die Deutschen Forschungsgemeinschaft das Projekt "Die Münzen des Kaukasus und Osteuropa im Orientalischen Münzkabinett". Den Kern dieses Projektes bildeten die Münzen von Heinrich August Zwick. Im Syllogeformat wurden die Münzen als historische Quellenerfaßt. Die Münzen wurden von Tobias Mayer und Gert Rispling bearbeitet. Im Jahr 2005 wurde die Sylloge vorgelegt.