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Taschenbücher oder Talismane?

Die Jenaer Arabistik hat sich seit der Mitte der 1990er Jahre intensiv mit den arabischen Handschriften in den Bibliotheken des Freistaats Thüringen beschäftigt. Unter den Arabica der Forschungsbibliothek Gotha und der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena sprang die vergleichsweise große Zahl an kleinformatigen Abschriften religiöser Texte ins Auge.

Viele dieser Stücke kamen als Teil der sogenannten „Türkenbeute“ direkt oder auf Umwegen in den Besitz der Sammlungen in Gotha und Jena. Damit war ein erster Hinweis auf ihren ursprünglichen Gebrauchszusammenhang gegeben: Sie wurden von Feldgeistlichen und anderen lesekundigen Personen in den osmanischen Heeren mitgeführt, wofür sie sich aufgrund ihrer geringen Größe besonders gut eigneten. Daneben haben sicherlich auch andere Gruppen solche Taschenbücher zu schätzen gewusst; Exponat 1 (Ms. Prov. o. 225) und 2 (Ms. Bos. o. 18) mögen ebensogut Zivilisten gehört haben.

Angesichts von Stücken wie Exponat 3 (Ms. G. B. o. 26) mit seiner stark miniaturisierten Schrift drängte sich dann auch der Gedanke auf, dass die Handschriften nicht nur zum Lesen oder Rezitieren, sondern auch als Talismane benutzt wurden. Eine fast zweieinhalb Meter lange Rolle mit arabischen und persischen Gebeten (Exponat 4, Ms. Prov. o. 225a), die zusammengerollt in eine Hand passt, weist in eine ähnliche Richtung.

Diese nicht zuletzt von den Jenaer Beständen aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang von Miniaturisierung und Talismanfunktion wird gegenwärtig in einem Jenaer Teilprojekt des Hamburger SFB 950 „Manuskriptkulturen“ bearbeitet. Erste Ergebnisse zeigen eine starke formale Ausdifferenzierung der Kleinformate und eine unerwartete Verbreitung einer achteckigen Sonderform von Koranen auch im iranischen Raum.