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Die Orientalistik in Jena seit der Zeit Goethes

Die Emanzipation der Orientalistik von einer theologischen Hilfswissenschaft zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin ist zu Anfang des 19. Jh. allenthalben an den europäischen Universitäten zu beobachten. Nachhaltigen Einfluß auf diese Entwicklung hatte der französische Arabist Silvestre de Sacy, der auch eine ganze Generation deutscher Orientalisten prägte (Kosegarten, Freytag, Flügel, Fleischer). In Jena kommt die de Sacysche Richtung der Orientalistik, wenn auch nur kurz, so doch verhältnismäßig früh zum Zuge, woran vor allem J.W. von Goethe maßgeblichen Anteil hatte, der aufgrund eigener Werkinteressen jene besonders fördert. In Goethes Weimarer Zeit von 1775 bis 1832 haben die an der Philosophischen Fakultät angesiedelte ordentliche Professur für orientalische Sprachen folgende Fachvertreter inne: Johann Gottfried Eichhorn (1775-1788), Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1789-1792), Karl David Ilgen (1794-1802), Christian Wilhelm Augusti (1803-1811), Georg Wilhelm Lorsbach (1812-1816) und Johann Gottfried Ludwig Kosegarten (1817-1824).

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Anton Graff: Porträt Johann Gottfried Eichhorn, 1779,
Öl/Leinwand 74 x 64,5 cm, Kustodie der FSU Jena


Auch wenn in dem wissenschaftlichen Oeuvre von Paulus und in besonderem Maße in jenem von Eichhorn das Arabische einen nicht unbedeutenden Platz einnimmt, so liegen ihre eigentlichen Arbeitsgebiete nach wie vor in der Theologie. Die Ablösung von dieser kündigt sich in den Schriften von Georg Wilhelm Lorsbach, der sich vor allem als Syrologe einen Namen gemacht hat, nachhaltig an, und erfolgt vollends mit der Person Johann Gottfried Ludwig Kosegartens, mit dem die de Sacysche Richtung in Deutschland zum Durchbruch gelangt. Entscheidenden Anteil an Kosegartens Berufung nach Jena hat Goethe, der sich in der Endphase an der Arbeit am West-östlichen Divan Kosegartens Mitarbeit erfreut.

Im Zentrum von Kosegartens Oeuvre in seinen Jenaer Jahren und vor allem in seiner daran anschließenden Greifswalder Zeit stehen Texteditionen mit philologisch-kritischem Anspruch. Für seine nicht nur für die damalige Zeit umfangreiche Chrestomathia Arabica, die er in Jena beginnt, greift er u.a. auch auf die Gothaer Handschriftenbestände zurück, die Ulrich Jasper Seetzen auf seinen Reisen in Syrien, Palästina und Ägypten im Auftrag des Herzogs August von Sachsen-Gotha und Altenburg erworben hat. Er ediert Teile der Weltgeschichte des Tabari und beginnt ein auch für die heutige Zeit gewaltiges Unternehmen, die Herausgabe des Kitab al-Agani. Kosegartens Hudaylitendiwan wird bis auf den heutigen Tag als Quellenwerk zitiert. Darüber hinaus zeigt sich seine Vielseitigkeit auch auf anderen orientalistischen Gebieten. So übersetzt er aus dem Sanskrit einen Teil des Mahabharata, beteiligt sich an der deutschen Übersetzung des Papageienbuchs, und in der Ägyptologie ist sein Name mit der Entzifferungsgeschichte des Demotischen verbunden.

Nach dem Weggang Kosegartens nach Greifswald wird die de Sacysche Richtung in Jena nicht weitergeführt. Vielmehr geht mit Johann Gustav Stickel die Jenaer Orientalistik eigene Wege. Stickel, der 1839 von der Theologischen Fakultät auf die Professur für orientalische Sprachen an der Philosophischen Fakultät überwechselt, vertritt das Fach über ein halbes Jahrhundert. Er zählt zu den Wegbereitern der islamischen Numismatik in Deutschland, und auf seine Initiative wird das Großherzoglich orientalische Münzkabinett gegründet, das bis auf den heutigen Tag zu den bedeutendsten islamisch-numismatischen Sammlungen im deutschsprachigen Raum gehört.

1896 wird als Nachfolger von Stickel Karl Vollers berufen, mit dem Jena der Anschluß an die zeitgenössische Entwicklung in der Arabistik gelingt und der als Philologe und Dialektologe hervorgetreten ist.

Nach Vollers´ frühzeitigem Tod im Jahre 1909 wird die mittlerweile heruntergestufte Professur mit dem vielseitigen Altorientalisten und Semitisten Arthur Ungnad besetzt. Nach dem 1919 erfolgten Weggang Ungnads nach Greifswald wird die Stelle nicht wiederbesetzt und das alte orientalische Seminar aufgelöst.

Den Nukleus für die Wiedereinrichtung der Orientalistik nach der Wende bildet ohne Zweifel die Hilprecht-Sammlung Vorderasiatischer Altertümer, die 1925 durch Schenkung an die Friedrich-Schiller-Universität kam und vor der Wende kustodisch betreut wurde. 1993 wird ihr ehemaliger Kustos, Joachim Oelsner, auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Altorientalistik berufen, 1993 und 1994 erfolgt die Einrichtung des Lehrstuhls für Semitische Philologie und Islamwissenschaft sowie der Professur für Islamwissenschaft, 1996 die Gründung des Instituts für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients, mit dem die genannten Fachgebiete zusammengeführt wurden, die derzeit von M. Krebernik, N. Nebes und T. Seidensticker vertreten werden.


Literatur:
N. Nebes, Orientalistik im Aufbruch. Die Wissenschaft vom Vorderen Orient in Jena zur Goethezeit, in: J. Golz (Hg.), Goethes Morgenlandfahrten. West-östliche Begegnungen. Frankfurt am Main 1999, S. 66-96; ders., Ulrich Jasper Seetzens Reisen im Orient, in: Orientalische Buchkunst in Gotha. Forschungs und Landesbibliothek Gotha 1997, S.41-46.