Friedrich-Schiller-Universität Jena

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AusLese. Objekte aus den orientalischen Sammlungen der Universität Jena

Sammlungsobjekte sind Träger von Informationen und können gelesen werden. Damit sind diese Gegenstände wertvolle Quellen für Forschungsfragen. Ebenso besitzen Objekte eine materielle Anschaulichkeit, die einen eigenen ästhetischen Reiz entfalten können und der in der Wissensvermittlung eine entscheidende Rolle zukommt.

Fünf Jenaer Sammlungen mit Orientbezug umfassen diverse Objektgruppen. Die hier vorgestellten Exponate belegen die inhaltliche, materielle und mediale Vielfalt: historische Fotografien mit Notizbuchcharakter, Textsequenzen islamischer Münzen, kaum entzifferbare Minikorane, rekonstruierte Keilschrifttafeln und Papyri. Gemeinsam ist ihnen, dass erst in der Zusammenschau von Material und Gestalt, Bild und Text eine weitere Lektüre möglich wird.
Die Kabinettausstellung AusLese will an ausgewählten Beispielen Einblicke in diese Erschließungspraktiken geben.

Viele der Sammlungsobjekte sind nicht öffentlich zugänglich. Die Sichtbarmachung der Dinge und die an ihnen vollzogene Forschungsarbeit stellen daher wichtige Vermittlungsprozesse dar. Dabei werden Forschungsergebnisse längst nicht mehr nur in Ausstellungsräumen präsentiert. Durch moderne bildgebende Verfahren werden die Dinge nun auch in neuen Wissensräumen lesbar gemacht.

Ort:
Universitätshauptgebäude
Fürstengraben 1
07743 Jena
Ausstellungskabinett (Raum 025)

Öffnungszeiten:

18.-22.09.2017 Mo-Fr 10-18 Uhr
16.-26.10.2017 Mo-Fr 15-19 Uhr

Eine Aufgabe der Hilprecht-Sammlung ist es, 4000 Jahre alte Keilschrifttafeln und -fragmente mittels unterschiedlicher Methoden wieder lesbar zu machen, so dass sie in einen größeren Zusammenhang gestellt werden können. Zentral dabei ist die Vernetzung von Sammlungen sowie die freie Verfügbarkeit guter Fotografien oder Scans von Tontafeln in online-Datenbanken.

Dank online zugänglicher Scans der Fragmente N 1338 und N 4026 aus Philadelphia erkannte Elyze Zomer (Leipzig), dass diese zur Jenaer Tafel HS 1885 [1] gehören. Die Fragmente der in der Antike zerbrochenen Tafel aus Nippur waren bei der Fundteilung auf die Hilprecht Sammlung und das University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology aufgeteilt worden. Die virtuelle Zusammenfügung aller Bruchstücke ermöglichte die Rekonstruktion eines bisher unbekannten Königepos aus der Zeit von ca. 1500 v. Chr. In ihm erzählt Gulkischar, König der ersten Meerland-Dynastie, von seiner Schlacht gegen Samsuditana, dem letzten König der ersten Dynastie von Babylon, deren bekanntester Regent Hammurapi war.

Im Fall von HS 2536 + HS 2714 [2] konnte Jana Matuszak (Jena) nach der Durchsicht von nie veröffentlichten Bleistiftkopien von Johannes J. A. van Dijk (1915-1996) die unter verschiedenen Inventarnummern verbuchten Bruchstücke wieder zu einer Tafel zusammensetzen. Carmen Gütschow (Berlin) hat die Tafel so restauriert, dass die ursprüngliche Form nun erstmalig wieder erkennbar ist. Es handelt sich um ein wichtiges Manuskript eines sumerischen literarischen Streitgesprächs zwischen zwei Frauen, das einzigartige Einblicke in das Frauenbild um 1800 v. Chr. bietet.

Um künftig solche Entdeckungen zu erleichtern, werden aktuell in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin 3D-Scans aller Objekte der Hilprecht-Sammlung erstellt.

Die Papyrussammlung des Instituts für Altertumswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehört mit ihren mehr als 2000 Papyri und Ostraka zu den größeren deutschen Sammlungen. Begründet wurde sie vor dem ersten Weltkrieg: Die meisten Stücke kamen zwischen 1904 und 1913 aus Ankäufen des Deutschen Papyruskartells nach Jena. Später kamen kleinere Schenkungen hinzu, darunter besonders die Privatsammlung des Jenaer Gräzisten, Papyrologen und mehrfachen Rektors Friedrich Zucker.

Die Sammlung enthält Texte in zahlreichen Sprachen. Dabei überwiegt das Griechische bei weitem, doch auch demotische, koptische, arabische und sehr wenige lateinische Texte sind vertreten. Die weitaus meisten Texte sind dokumentarisch (Edikte, Verträge, Rechnungen, Privatbriefe u. a.). Literarische Texte kommen, wie in fast allen anderen Papyrussammlungen auch, vergleichsweise sehr selten vor.

Hier ausgestellt sind ein literarischer und ein dokumentarischer Papyrus. Der literarische ist in einer gut lesbaren, geradezu luxuriösen Buchschrift geschrieben. Er enthält die Verse 64–69 aus den Bakchen, der letzten Tragödie des 406 v. Chr. verstorbenen Euripides. Eine möglicherweise alte Variante (67 εὐκαμέτη statt εὐκάματον) und ein klarer banalisierender Fehler (64 γᾶς statt γαίας) gegenüber den über 1000 Jahre jüngeren Handschriften geben dem Papyrusfragment textkritischen Wert.

Der dokumentarische Papyrus zeigt, dass bei der Verteilung der Stücke durch das deutsche Papyruskartell Zusammengehöriges gelegentlich auseinandergerissen wurde (s. Abbildung). Der Absendername (ΖΗΝΟΒΙΟϹ = Zênobios) des auf den 14. Januar 231 v. Chr. datierten Verwaltungsbriefs kam nach Jena, der Rest nach Halle. Im Brief ordnet Zenobios an, dass ein Mann aus Syene (Assuan), der vorgibt, nachtblind zu sein, und deswegen seinen Dienst nicht ausüben kann, vorgeführt werden soll.

 

Die Jenaer Arabistik hat sich seit der Mitte der 1990er Jahre intensiv mit den arabischen Handschriften in den Bibliotheken des Freistaats Thüringen beschäftigt. Unter den Arabica der Forschungsbibliothek Gotha und der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena sprang die vergleichsweise große Zahl an kleinformatigen Abschriften religiöser Texte ins Auge.

Viele dieser Stücke kamen als Teil der sogenannten „Türkenbeute“ direkt oder auf Umwegen in den Besitz der Sammlungen in Gotha und Jena. Damit war ein erster Hinweis auf ihren ursprünglichen Gebrauchszusammenhang gegeben: Sie wurden von Feldgeistlichen und anderen lesekundigen Personen in den osmanischen Heeren mitgeführt, wofür sie sich aufgrund ihrer geringen Größe besonders gut eigneten. Daneben haben sicherlich auch andere Gruppen solche Taschenbücher zu schätzen gewusst; Exponat 1 (Ms. Prov. o. 225) und 2 (Ms. Bos. o. 18) mögen ebensogut Zivilisten gehört haben.

Angesichts von Stücken wie Exponat 3 (Ms. G. B. o. 26) mit seiner stark miniaturisierten Schrift drängte sich dann auch der Gedanke auf, dass die Handschriften nicht nur zum Lesen oder Rezitieren, sondern auch als Talismane benutzt wurden. Eine fast zweieinhalb Meter lange Rolle mit arabischen und persischen Gebeten (Exponat 4, Ms. Prov. o. 225a), die zusammengerollt in eine Hand passt, weist in eine ähnliche Richtung.

Diese nicht zuletzt von den Jenaer Beständen aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang von Miniaturisierung und Talismanfunktion wird gegenwärtig in einem Jenaer Teilprojekt des Hamburger SFB 950 „Manuskriptkulturen“ bearbeitet. Erste Ergebnisse zeigen eine starke formale Ausdifferenzierung der Kleinformate und eine unerwartete Verbreitung einer achteckigen Sonderform von Koranen auch im iranischen Raum.

Islamische Münzen sind sowohl Textquelle zur politischen Herrschaftsgeschichte, als auch dreidimensionale Objekte mit praktischem Zweck. Aufgabe der Numismatik ist es, anhand von Sequenzen an Münzen, z. B. einer Münzstätte oder einer archäologischen Fundstelle, die politische und wirtschaftliche Entwicklungen, Technologien oder Siedlungsstrukturen zu rekonstruieren.

Anlässlich der 1. Jahresversammlung der DMG in Jena 1846 wurden zum ersten Mal Münzen des 1840 gegründeten Grossherzoglichen Orientalischen Münzkabinetts ausgestellt. Johann Gustav Stickel, der Kabinetts, legte zu diesem Anlass einen Überblick über die damalige Sammlung vor. Im Vorwort erwähnte er die frische Neuerwerbung einer arabo-sasanidischen Münze.

Um Münzen im wissenschaftlichen Diskurs unabhängig vom Original lesen zu können, mussten die Objekte ediert werden. Stickel war von Anfang an Technik zur Verbesserung der Abbildung interessiert und versuchte die anspruchsvollste Form der Wiedergabe, den Kupfer- oder Stahlstich. Um die farbige Wirkung des Orginals zu verstärken, wurden die Münzen aufwendig mit Silber- bzw. Kupferdruck unterlegt. Man beachtete jedoch nicht, dass die Drucke im Laufe der Zeit stark nachdunkeln.

In der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft experimentierte Stickel 1853 mit einer weiteren technischen Form. Die Münze wurde in Karton geprägt, um eine dreidimensionale Wirkung zu erreichen.

Der wissenschaftliche Austausch unter Kollegen oder das Ergänzen von Sammlungen verlangte auch die Reproduzierbarkeit des dreidimensionalen Objektes. Verschiedene Formen wurden im 18. Bis 20. Jahrhundert angewendet: der Folienabdruck, der Galvano und der Gipsabdruck. Der Gipsabdruck blieb bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die häufigste Form der physischen Reproduktion und wurde neben dem Foto angefertigt.

Das Internet erlaubt einem großen Sprung für die historische Arbeit mit Münzen aus mehreren Museen und Sammlungen an einem Arbeitsort. Seit 2012 beteiligt sich das Orientalische Münzkabinett Jena an dem Portal Kooperative Erschließung und Nutzung der Objektdaten von Münzsammlungen (KENOM) des Gemeinschaftlichen Bibliotheksverbandes (GBV), das seit Mai 2015 freigeschaltet ist. Bisher speisen zehn Sammlungen unterschiedliche Arten numismatischer Objekte ein. Wir laden Sie dazu ein und haben jeder Münze eine QR code beigegeben. Schauen Sie nach, um was für eine Münze es sich handelt.